Archiv der Kategorie 'zitathalde'

Planet der Habenichtse

„Ein Pärchen war in einer Ecke in sexuelle Vorspiele vertieft. Shevek wandte sich angeekelt ab. Egoisierten sie hier sogar beim Sex? Vor nicht gepaarten Personen zu streicheln und zu kopulieren war ebenso widerlich , wie vor Augen vor Hungernden zu essen.“

„Sie alle wirkten Besorgt auf ihn. Er hatte diese Besorgniss schon oft in den Gesichtern der Urrasti gesehen und sich darüber gewundert. War das so, weil sie, soviel Geld sie auch schon haben mochten, immer noch mehr verdienen zu müssen glaubten, damit sie nicht arm zu sterben brauchten? War es Schuldbewusstsein, weil es, sowenig Geld sie auch besitzen mochten, immer noch jemand gab, der weniger hatte? Was auch immer der Grund sein mochte, er verlieh allen Gesichtern eine gewisse Ähnlichkeit; und er fühlte sich sehr alleine unter ihnen.“

„Sprechen ist mit anderen teilen – eine kooperative Kunst.“

„Die Vorarbeiterin hatte zwar keine Erfahrung im Umgang mit einem Mob, aber die Leute hatten auch keine Erfahrung darin, sich wie ein Mob zu verhalten. Da sie Mitglieder einer Gemeinschaft waren und nicht Elemente einer Masse, waren sie auch nicht von Kollektivgefühlen beherrscht; es gab so viele verschiedene Gefühle hier wie es Menschen gab. Und da sie nicht auf die Idee kamen, ein Befehl könnte willkürlich sein, hatten sie auch keine Übung darin Widerstand zu leisten.“

Ursula K.LeGuin, Planet der Habenichtse

Mir nicht


Jean-Léon Gérôme: „Phryne vor dem Areopag“ (1861); Hamburger Kunsthalle

»eine Frau als Schauobjekt, eine menge von Männern, die begierig ist zu wissen, zu hören und zu sehen und ein einzelner Herr, der zwischen ihnen und dem stummen weiblichen Akt vermittelt, der zeigt und spricht, weil er das Wissen hat.
Wenn es eine Urszene zu dieser Anordnung des Wissens gibt, dann ist es die die Gerichtsszene um Phryne, in der den Frauen im Namen Der Frau der Prozeß gemacht und in der den Bildern ihre ungezügelte verführerische Kraft ausgetrieben wird. Doch wie alles Verdrängte, kehren schließlich irgendwann auch die Frauen in der Vielzahl zurück. Im 20. Jahrhundert haben sie einen spektakulären Auftritt auf der Bühne des Hörsall 6 der Frankfurter Universität, bei dem das Unbewußte oder besser Ungewußte des Phryne-Prozesses Regie zu führen scheint. [..] Und der einzelne Herr, der daraufhin in einen Rollentausch verwickelt wurde und sich unversehens am angestammten Platz Der Frau als Objekt allen Wiss-Begehrens wieder fand, verließ den Saal. Es schien, als sei die abendländische Ordnung des Wissens und der Geschlechter an diesem Tag im April ’69 vollends aus den Fugen geraten. [..]
Als der in die Flucht geschlagene Professor Theodor W. Adorno dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ vierzehn Tage nach diesem Zwischenfall und drei Monate vor seinem Tod ein Interview gab, widersprach er der einleitenden, auf die Busenaktion anspielende Bemerkung der Interviewer, daß „vor zwei Wochen [.] die Welt noch in Ordnung“ schien, mit den lapidaren Worten: „Mir nicht“.«
C. Vissmann, Gewandstudien, Vom Griechenland, Merve 240

über kanonisierungen

abgesehen des ihm aberkannten verstehen der arithmetik, deren punkt ich noch nicht verstanden habe:
»Es würde nämlich einfach bedeuten, daß das Erfolgreichere, das sich Durchsetzende, das allgemein Rezipierte mit hilfe der Dialektik den höheren Stand der Wahrheit hätte als das Bewußstsein, das die Scheinhaftigkeit durchschaut.«
Adorno, 2.Vorlesung über negative Dialektik, 11.11.1965

anmerkung: anders gesagt ist das Durchsetzende ein Model das angenommen wird ohne das es Kognitiv bearbeitet wird?

netz

»eine spinne ist nicht nur im hinblick auf ihren körper eine spinne, zu ihr gehoert auch ihr netz. ohne netz wuerde sie verhungern. was ist dann eine spinne ? ist sie ein lebewesen oder ein lebewesen plus fangzeug ? ist sie singulaer oder ist sie nur ein zentrum eines systems, das erst als ganzes lebensfaehig ist ? wir koennen nicht anders, als die spinne im verbund mit dem von ihr produzierten netz zu sehen, als ein lebenssystem, nicht als ein lebewesen. die spinne ist eine organisationsform, mit hilfe eines artefakts, mit hilfe einer art verlaengerter, vernetzter arme ist sie erst sie selbst. netz und spinne gehoeren zusammen.«
otl aicher, analog & digital, ernst & sohn 1991

Musique Concretement

merve 324 „kunst fixierter klänge“ von dem franzosen michel chion ist mir aus dem bücherladenregal in die hände gefallen. das buch ist schon 1991 in frankreich erschienen, aber jetzt erst ins deutsche übersetzt worden. chion geht hier auf den ursprung der musique concrete, welche von pierre schaeffer einst definiert worden ist, zurück und erstellt davon ausgehend ein manifest der kunst der fixierten klänge. im gegensatz zu partituren und aufführungen wird das in raum und zeit sich ereignende klangliche geschehen erst durch die fixierung auf einem tonträger zu einem werk, vergleichbar mit einem gemälde oder einer bildhauerei (rodins figuren sind aus festem stein und auch nicht aus knetgummi).
der „deutsch-französischer streit“ zwischen der musique concrete und der elektroakustik wird hier aufgerollt. chions stellt fest das musique concrete nicht nur arbeiten mit sogenannten „natur“ klängen ist, sondern auch inszinierte klangereignisse – sei es ein stuhlknarzen oder das zupfen an einer gitarre oder ein synthesiser – zur konkreten musik werden durch die fixierung auf einen tonträger und damit zu einem werk das weiter geht als jegliche partitur oder „live“ aufführung derer.
interresant auch jede menge vergleiche und abstecher in den bereich des films. wie verhällt sich der stummfilm gegenüber einer aufführung eines konkreten werkes wo es keine bilder zu gibt?

»Was ist das für ein unvermeidlicher und doppeldeutiger Bezugspunkt der aktuellen Musik, mit dem man sich schmücken muss, um zur Avangarde zu gehören? Das ist die Elektroakusitk im weitesten Sinne: Maschinen, Tonbandgeräte, Klangtransformationen und elektrische Relais. […] Gleichzeitig wehren sich diejenigen, die diese Bezugnahme zur Schau tragen, dagegen, ihre Gefangenen zu sein: sie erinnern sogleich daran, das sie keine Handwerker und Bastler sind, sondern Komponisten im klassischen und edlen Sinne, das heißt Leute, die Partituren schreiben und sie dann spielen oder dirigieren. Der doppelte Kurzschluss, den die Elektroakustik durch Aufzeichnung ermöglicht – den des Stadiums der Partitur und den des Stadiums der Ausführung, die durch den Tonträger beide unnütz werden – wird von ihnen verachtet, sie sehen darin sogar eine Gefahr für ihre Kaste. Damit können sich ja, wie sie sagen „jeder Beliebige“ ins Komponieren einmischen. Was tun sie, um diese schreckliche Gefahr abzuwenden? Sie schicken sich an, das Territorium zu besetzen.«

das siebte kapitel ist besonders amüsant. es ist wie ein gespräch zwischen hörer und aufführer von konkreter musik geschrieben:

»Aber die Frage des Konzerts liegt nicht nur in der Natur des konkreten Werkes und in der technischen Weise seiner Aufführung. Sie liegt auch beim Hörer. Auch heute stellt dieser immer wieder die Frage nach dem Hören. dieser Musikstücke: Was soll man im Konzert tun, wenn man mit den Lautsprechern und nichts anderem konfrontiert wird?
Die einzige und ehrliche Antwort auf diese wichtige Frage besteht in einem Wort – und es wäre schade, wenn man in ihm nur einen Scherz sehen würde. Sie wollen wirklich wissen, was man mit der Musik fixierter Klänge machen muss, wenn es nichts zu sehen gibt und kein Instrument in Echtzeit spielt? Das ist einfach, es genügt, wenn Sie sie … hören.«

Michel Chion: Die kunst fixierter Klänge – oder die Musique Concrètement, Merve Verlag Berlin 2010.

caught up in the identity game

where next columbus

Anothers hope, anothers game
Anothers loss, anothers gain
Anothers lies, anothers truth
Anothers doubt, anothers proof
Anothers left, anothers right
Anothers peace, anothers fight
Anothers name, anothers aim
Anothers fall, anothers fame
Anothers pride, anothers shame
Anothers love, anothers pain
Anothers hope, anothers game
Anothers loss, anothers gain
Anothers lies, anothers truth
Anothers doubt, anothers proof
Anothers left, anothers right
Anothers peace, anothers fight

Marx had an idea from the confusion of his head
Then there were a thousand more waiting to be led
The books are sold, the quotes are bought
You learn them well and then you‘re caught

Anothers left, anothers right
Anothers peace, anothers fight

Mussolini had ideas from the confusion of his heart
Then there were a thousand more waiting to play their part
The stage was set, the costumes worn
And another empire of destruction born

Anothers name, anothers aim
Anothers fall, anothers fame

Jung had an idea from the confusion of his dream
Then there were a thousand more waiting to be seen
You‘re not yourself, the theory says
But I can help, your complex pays

Anothers hope, anothers game
Anothers loss, anothers gain

Satre had an idea from the confusion of his brain
Then there were a thousand more indulging in his pain
Revelling in isolation and existential choice
Can you truly be alone when you use anothers voice?

Anothers lies, anothers truth
Anothers doubt, anothers proof

The idea born in someones mind
Is nurtured by a thousand blind
Anonymous beings, vacuous souls
Do you fear the confusion, your lack of control?
You lift your arm to write a name
So caught up in the identity game
Who do you see? Who do you watch?
Who’s your leader? Which is your flock?
Who do you watch? Who do you watch?
Who’s your leader? Which is your flock?

Einstein had an idea from the confusion of his knowledge
Then there were a thousand more turning to advantage
They realised that their god was dead
So they reclaimed power through the bomb instead

Anothers code, anothers brain
They‘ll shower us all in deadly rain

Jesus had an idea from the confusion of his soul
Then there were a thousand more waiting to take control
The guilt is sold, forgiveness bought
The cross is there as your reward

Anothers love, anothers pain
Anothers pride, anothers shame
Do you watch at a distance from the side you have chosen?
Whose answers serve you best? Who‘ll save you from confusion?
Who will leave you an exit and a comfortable cover
Who will take you oh so near the edge, but never drop you over?
Who do you watch

crass, penis envy, 1981

Illusionen

»sie finden also nichts an der idee, das mythen für das soziale leben unentbehrlich sind?

warum sollten sie das sein? gewiß, unsere realität hat äußerst unerfreuliche aspekte – zum beispiel die tatsache, daß das leben vollkommen sinnlos ist. aber dem muß man ins auge sehen, weil es die vorraussetzung für das bemühen ist, dem leben einen sinn zu geben. und das können nur menschen füreinander tun. so betrachtet, ist die illusion eines vorgegebenen sinnes schädlich.«
norbert elias, über sich selbst, edition suhrkamp, erste auflage 1990, s.52