Archiv für September 2013

Mir nicht


Jean-Léon Gérôme: „Phryne vor dem Areopag“ (1861); Hamburger Kunsthalle

»eine Frau als Schauobjekt, eine menge von Männern, die begierig ist zu wissen, zu hören und zu sehen und ein einzelner Herr, der zwischen ihnen und dem stummen weiblichen Akt vermittelt, der zeigt und spricht, weil er das Wissen hat.
Wenn es eine Urszene zu dieser Anordnung des Wissens gibt, dann ist es die die Gerichtsszene um Phryne, in der den Frauen im Namen Der Frau der Prozeß gemacht und in der den Bildern ihre ungezügelte verführerische Kraft ausgetrieben wird. Doch wie alles Verdrängte, kehren schließlich irgendwann auch die Frauen in der Vielzahl zurück. Im 20. Jahrhundert haben sie einen spektakulären Auftritt auf der Bühne des Hörsall 6 der Frankfurter Universität, bei dem das Unbewußte oder besser Ungewußte des Phryne-Prozesses Regie zu führen scheint. [..] Und der einzelne Herr, der daraufhin in einen Rollentausch verwickelt wurde und sich unversehens am angestammten Platz Der Frau als Objekt allen Wiss-Begehrens wieder fand, verließ den Saal. Es schien, als sei die abendländische Ordnung des Wissens und der Geschlechter an diesem Tag im April ’69 vollends aus den Fugen geraten. [..]
Als der in die Flucht geschlagene Professor Theodor W. Adorno dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ vierzehn Tage nach diesem Zwischenfall und drei Monate vor seinem Tod ein Interview gab, widersprach er der einleitenden, auf die Busenaktion anspielende Bemerkung der Interviewer, daß „vor zwei Wochen [.] die Welt noch in Ordnung“ schien, mit den lapidaren Worten: „Mir nicht“.«
C. Vissmann, Gewandstudien, Vom Griechenland, Merve 240